Wie stehen Liberale zum Frieden?
3. Frieden.
“Es gibt edle Menschen, die den Krieg verabscheuen, weil er Tod und Wunden bringt. Wir können nicht umhin, die Menschenliebe, die in diesem Argument steckt, zu bewundern. Doch das philanthropische Moment scheint viel oder alles von seiner Kraft zu verlieren, wenn wir die Ausführungen der Anhänger und Befürworter des Krieges vernehmen. Die leugnen gar nicht, daß der Krieg auch Schmerz und Leid bringt. Doch sie meinen, daß der Krieg und nur der Krieg imstande ist, die Menschheit weiter zu bringen. Der Krieg sei der Vater aller Dinge, sagt ein griechischer Philosoph, und Tausende haben es ihm nachge- sprochen. Der Mensch verdorre im Frieden, nur der Krieg erwecke in ihm die schlummernden Fähigkeiten und Kräfte und führe ihn zum Höchsten. Würde der Krieg ausgerottet werden, dann würde die Menschheit in Schlaffheit und Mattheit verkommen.
Es ist schwer oder gar unmöglich, gegen diese Beweisführung der Kriegsfreunde aufzukommen, wenn man gegen den Krieg nichts anderes geltend zu machen weiß als das, daß er Opfer verlangt. Denn die Anhänger des Krieges sind doch eben der Meinung, daß diese Opfer nicht umsonst dargebracht werden, und daß der Preis des Einsatzes wert sei. Wenn es wirklich wahr sein sollte, daß der Krieg der Vater aller Dinge ist, dann sind die Menschenopfer, die er kostet, notwendig, um die allgemeine Wohlfahrt und den Fortschritt der Menschheit zu fördern. Man mag die Opfer wohl beklagen, man mag auch trachten ihre Zahl herabzusetzen, doch man darf darum den Krieg nicht abschaffen und den ewigen Frieden herbeiführen wollen.
Die liberale Kritik der Kriegstheorie unterscheidet sich aber grundsätzlich von der der Philanthropen; sie geht davon aus, daß nicht der Krieg, sondern der Frieden der Vater aller Dinge ist. Das, was die Menschheit allein vorwärts bringt und sie vom Tier unterscheidet, ist die gesellschaftliche Kooperation. Die Arbeit allein ist es, die aufbaut, reich macht und damit die äußeren Grundlagen für inneres Gedeihen des Menschen legt. Der Krieg zerstört nur, er kann nie aufbauen. Den Krieg, den Mord, die Zerstörung und Vernichtung haben wir mit den reißenden Tieren des Waldes gemein, die aufbauende Arbeit ist unsere menschliche Eigenart. Der Liberale verabscheut den Krieg nicht wie der Philanthrop, obwohl er nützliche Folgen haben soll, sondern weil er nur schädliche Folgen hat.
Der philanthropische Friedensfreund tritt an den Mächtigen heran und sagt ihm: „Führe keinen Krieg, wenn du auch Aussicht hast, durch einen Sieg deine eigene Wohlfahrt zu fördern. Sei edel und großmütig und verzichte auf den dir winkenden Sieg, wenn es dir auch ein Opfer, den Entgang eines Gewinnes bedeutet.“ Der Liberale denkt anders. Er ist der Überzeugung, daß der siegreiche Krieg auch für den Sieger ein Übel ist, daß Frieden immer noch besser ist als Sieg. Er verlangt vom Starken keine Opfer, sondern nur das, daß er sein wahres Interesse erfasse und verstehen lerne, daß der Frieden auch für ihn, den Starken, ebenso vorteilhaft ist wie für den Schwächeren.”
Quelle: Liberalismus – Mises (Verlag von Gustav Fischer 1927) – Seite 20 ff.
3. Frieden.
“Es gibt edle Menschen, die den Krieg verabscheuen, weil er Tod und Wunden bringt. Wir können nicht umhin, die Menschenliebe, die in diesem Argument steckt, zu bewundern. Doch das philanthropische Moment scheint viel oder alles von seiner Kraft zu verlieren, wenn wir die Ausführungen der Anhänger und Befürworter des Krieges vernehmen. Die leugnen gar nicht, daß der Krieg auch Schmerz und Leid bringt. Doch sie meinen, daß der Krieg und nur der Krieg imstande ist, die Menschheit weiter zu bringen. Der Krieg sei der Vater aller Dinge, sagt ein griechischer Philosoph, und Tausende haben es ihm nachge- sprochen. Der Mensch verdorre im Frieden, nur der Krieg erwecke in ihm die schlummernden Fähigkeiten und Kräfte und führe ihn zum Höchsten. Würde der Krieg ausgerottet werden, dann würde die Menschheit in Schlaffheit und Mattheit verkommen.
Es ist schwer oder gar unmöglich, gegen diese Beweisführung der Kriegsfreunde aufzukommen, wenn man gegen den Krieg nichts anderes geltend zu machen weiß als das, daß er Opfer verlangt. Denn die Anhänger des Krieges sind doch eben der Meinung, daß diese Opfer nicht umsonst dargebracht werden, und daß der Preis des Einsatzes wert sei. Wenn es wirklich wahr sein sollte, daß der Krieg der Vater aller Dinge ist, dann sind die Menschenopfer, die er kostet, notwendig, um die allgemeine Wohlfahrt und den Fortschritt der Menschheit zu fördern. Man mag die Opfer wohl beklagen, man mag auch trachten ihre Zahl herabzusetzen, doch man darf darum den Krieg nicht abschaffen und den ewigen Frieden herbeiführen wollen.
Die liberale Kritik der Kriegstheorie unterscheidet sich aber grundsätzlich von der der Philanthropen; sie geht davon aus, daß nicht der Krieg, sondern der Frieden der Vater aller Dinge ist. Das, was die Menschheit allein vorwärts bringt und sie vom Tier unterscheidet, ist die gesellschaftliche Kooperation. Die Arbeit allein ist es, die aufbaut, reich macht und damit die äußeren Grundlagen für inneres Gedeihen des Menschen legt. Der Krieg zerstört nur, er kann nie aufbauen. Den Krieg, den Mord, die Zerstörung und Vernichtung haben wir mit den reißenden Tieren des Waldes gemein, die aufbauende Arbeit ist unsere menschliche Eigenart. Der Liberale verabscheut den Krieg nicht wie der Philanthrop, obwohl er nützliche Folgen haben soll, sondern weil er nur schädliche Folgen hat.
Der philanthropische Friedensfreund tritt an den Mächtigen heran und sagt ihm: „Führe keinen Krieg, wenn du auch Aussicht hast, durch einen Sieg deine eigene Wohlfahrt zu fördern. Sei edel und großmütig und verzichte auf den dir winkenden Sieg, wenn es dir auch ein Opfer, den Entgang eines Gewinnes bedeutet.“ Der Liberale denkt anders. Er ist der Überzeugung, daß der siegreiche Krieg auch für den Sieger ein Übel ist, daß Frieden immer noch besser ist als Sieg. Er verlangt vom Starken keine Opfer, sondern nur das, daß er sein wahres Interesse erfasse und verstehen lerne, daß der Frieden auch für ihn, den Starken, ebenso vorteilhaft ist wie für den Schwächeren.”
Quelle: Liberalismus – Mises (Verlag von Gustav Fischer 1927) – Seite 20 ff.
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